Tag 11 bis 13 – Durchs wilde Kurdistan

Es gibt viele Arten geweckt zu werden, eine der schönsten ist zweifellos das Rauschen des Meeres zu hören. Nach einem Erwachen am Schwarzen Meer bei strahlendem Sonnenschein ist gute Laune vorprogrammiert. So wird selbst eine Autoreparatur in einer Werkstatt bei Ordu zum großen Vergnügen. Nachdem nun schon seit mehreren Tagen ständig Ugly’s Auspuff abfällt und er sich damit bereits den Veltins verdient hat, welcher nun auf seiner Motorhaube mitfährt, sind wir gezwungen das Ganze „professionell“ reparieren zu lassen. Am Stadtrand Ordus finden wir, wie es in der Türkei üblich ist, ca. 50 Autowerkstätten aneinandergereiht vor. Bei Reparaturservice mit Hinterhofflair soweit das Auge reicht haben wir die Qual der Wahl. Als wir dann die drei BMWs von Team Delta vor einer Garage stehen sehen und die Jungs eine Empfehlung für diese aussprechen wird uns die Entscheidung abgenommen. Die Reparatur des Auspuffs ist relativ schnell erledigt. Zwei Auspuffgummis, zwei Kabelbinder, fertig. Doch ohne einen Chai getrunken zu haben kann in der Türkei kein Geschäft abgeschlossen werden. Im Büro des Werkstattbetreibers versammeln wir uns mit Chef und Mitarbeitern. Ein Anruf genügt und von irgendwoher kommt jemand mit einem Tablett, acht Chai-Tees und einer Dose Zuckerwürfeln. Der im Büro befindliche PC fungiert mithilfe des Google-Translaters als Wörterbuch. Die Verständigung dauert zwar sehr lange, aber wir haben ja schließlich Zeit. Sämtliche Facebook-Bilder vom Team 2Fast 2Curious werden angeguckt und das eine oder andere auf türkisch kommentiert. Als Julius irgendwann zusammenhangslos das vor einigen Tagen neu erlernte Wort „Ekmek“ (Brot) einwirft weiten sich erschrocken die Augen eines vollschlanken Mitarbeiters. Aufgeregt wiederholt er das Wort, packt Julius am Arm und unterhält sich hektisch mit seinen Kollegen. In der Hoffnung sein Bedürfnis nach Brot befriedigen zu können gehen wir zum Auto und packen unsere zuvor gekauften Baguettes und Sesam-Ringe aus. Erleichtert sieht er das „Ekmek“ und alle Aufregung ist wie weggeblasen. Wie sich herausstellt war er lediglich besorgt, dass wir hungrig in seiner Werkstatt sitzen, er selbst hatte scheinbar gerade erst gefrühstückt. So nahmen wir unser Brot, ein Glas Nutella und kehrten zum ausgiebigen Frühstück ins ca. sieben Quadratmeter große Büro zurück. Ein weiterer Anruf, acht weitere Tees und zwei Stunden nach der fünfminütigen Autoreparatur verlassen wir die Werkstatt Richtung Ararat.
Die Strecke verläuft, wie immer durch atemberaubende Landschaften und über hohe Bergketten. Nach unzähligen Stunden kehren wir hungrig in einen kleinen Ort kurz vor Dogubayazit ein. Alles in diesem Ort ist dunkel und wirkt sehr abweisend. Der einzige beleuchtete Ort ist eine Tankstelle, und irgendwie scheint das gesamte Dorf auf der Straße unterwegs zu sein. Kurz bevor wir uns entscheiden weiterzufahren wird der Ort wieder erhellt und offenbart einige gemütlich aussehende Wirtschaften und schnell wird uns klar, dass es hier wohl nur einen Stromausfall gab. Ein passendes Restaurant ist schnell gefunden. Bestellt werden sechs CocaColas und Fleisch. Wortwörtlich. Von der Vorstellung ein auf einer Karte beschriebenes Essens bestellen zu können haben wir uns ja bereits in Istanbul verabschiedet. Serviert wird einen Haufen Fleisch auf einem handelsüblichen Mensatablett. Rind, Lamm und Huhn mit Tomaten und Tzaziki garniert, dazu Ekmek; Teller gibt es keine. Was will man mehr.
Nach ein paar weiteren Kilometern Fahrt entschließen wir uns aufgrund heftigen Dauerregens in einem Hotel in Dogbayazit am Fuße des Ararat zu übernachten.
Außer für Felix scheint es eine Ewigkeit her gewesen zu sein mal richtig ausgeschlafen zu haben. Gegen 10 Uhr bemühen wir uns aus den teilweise mit Blut oder anderen Körperflüssigkeiten vom vorherigen Gast beschmierten Hotelbetten. Gefrühstückt wird bei schönstem Wetter auf der Dachterrasse mit Blick auf den über 5000 Meter hohen Ararat. Inspiriert von diesem Anblick entschließen wir uns Richtung Berg aufzubrechen um vielleicht eine Straße die ein Stück hinaufführt zu finden. Kaum haben wir ein kleines, aus Lehmhütten bestehendes Dorf passiert, sollen wir jedoch enttäuscht werden. Bereits bei der Fahrt Richtung Berg über ein Feld versinkt Bad bis zur Kardanwelle im schlammigen Lehm. Nichts geht mehr. Selbst ein quattro-Antrieb mit manueller Differentialsperre ist machtlos wenn sich das Fahrzeuggewicht statt auf die Räder auf den gesamten Unterboden verteilt. Nach einigen kläglichen versuchen sich aus eigener Kraft zu befreien, müssen härtere Geschütze aufgefahren werden. Das einzige was sich bisher befreite war die Kupplung von ihrem Belag. Zwei weitere Versuche das Auto mithilfe von Good aus dem Lehm herauszuziehen scheitern ebenfalls kläglich. Die an einer Tankstelle für 8 Türkische Lira gekauften Stahl-Abschleppseile hätten genauso gut auch silbern angesprühte Zahnseide sein können. Kaum waren sie gestrafft, waren sie auch schon wieder gerissen. Wir stecken mitten im Nirgendwo der Osttürkei. In der Nähe lediglich ein 50-Seelen Bauerndorf von dessen Bewohnern keiner ein Auto besitzt. Unsere größte Hoffnung dahin. Unterdessen nährt sich ein Bauer, der sich das Spektakel für die nächste halbe Stunde wortlos, mit einem leichten Grinsen auf dem Gesicht aus nächster Nähe ansieht. Erst nachdem Lukas und Julius im Lehm-Dorf eine Schaufel organisieren konnten, kommt Bewegung ins Spiel. Schnell ergreift der Bauer Initiative und Schaufel und beginnt die Räder freizubuddeln. Als noch ein anderer Bauer samt Sohn und zweiter Schaufel dazu stößt scheint es kinderleicht. Die freigeschaufelten Räder werden mit dem Wagenheber angehoben und mit Steinen untermauert. Mit viel Schieben und Ziehen gelingt es uns endlich das Auto zu befreien. Den Veltins für den morgigen Tag hat sich Bad aber dennoch verdient. Als Dankeschön bekommt jeder Bauer einen Adidas-Pulli und Kuscheltiere für seine Kinder; der Junge bekommt einen Fußball. Überglücklich marschieren die drei zurück aufs Feld. Im Dorf scheint unsere Anwesenheit dennoch die Runde gemacht zuhaben und während wir unsere Sachen einpacken um weiterzufahren kommen einige Kinder auf uns zu und beobachten neugierig das Geschehen. Da ein paar unserer Teddypatenschaften bereits in der Türkei übergeben werden sollen, entschließen wir uns unsere ersten Teddys an die Kinder zu verteilen. Hier sind sie garantiert gut aufgehoben. Zwei Jungs bekommen noch zusätzlich einen Fußball und völlig aufgedreht vor Freude laufen alle zurück ins Dorf. Auch wir brechen auf, weniger aufgedreht aber dennoch voller Freude in Richtung Van See. Untypischerweise erreichen wir noch vor Sonnenuntergang unser Ziel und errichten unser Nachtcamp mitten im Fahrerlager an der Van Burg. Nach Spaghetti Bolognese und einer langen, netten Unterhaltung mit zwei Fahrern vom, von uns sehr geschätzten, Team „Herbe Sahne“ geht es in unsere Dachzelte.
Am nächsten morgen werden wir fast schon gewohnheitsmäßig von der Sonne begrüßt. Van ist bekannt für sein ausgesprochen gutes Frühstücksangebot. Dieses Gerücht wollen wir nicht unerprobt lassen. Wir setzen uns in den Garten eines Cafés und zeigen der Bedienung wie üblich die Gesten für Essen und Trinken. Alles Weitere ist überflüssig. Das Essen, welches wir kurze Zeit später bekommen, ist so lecker wie außergewöhnlich, zumindest für Deutsche. Geschmacklich beschrieben essen wir Honig mit Buttermilchcreme, eine Ernduss-Karamell Paste, Koriander-Tzaziki und einen Käse für den die Beschreibung „kräftig“ maßlos untertrieben wäre. Mit gut gefülltem Magen geht es Richtung Van-See wo wir nach langer Suche einen schönen Rastplatz direkt am Wasser finden. Laut Organisationskomitee lässt sich im See aufgrund des hohen Solegehalts Kleidung ohne Spülmittel waschen. Da die meisten von uns mit der letzten Unterhose unter der Jeans zum See gefahren sind, kommt das wie gerufen. Nach Wäschewaschen und Schwimmen geht es weiter Richtung Dyarbakir. Unsere Schwimmeinlage hat uns im Rallyefeld weit nach hinten geworfen. Noch ein Tankstopp und dann werden ein paar Kilometer gut gemacht, so der Plan. An der Tankstelle stellt sich allerdings heraus, dass die vorherigen Rallyeteams die gesamte Zapfsäule leergesaugt haben und für Good, Bad und Ugly nur noch insgesamt 50 Liter übrig geblieben sind. Das kann der Tankstellenbetreiber natürlich nicht auf sich sitzen lassen und prompt werden wir zum Chai eingeladen. Mit ausreichend Tee versorgt fahren wir eine fünf Kilometer entfernte Tankstelle an. Benzin ist noch ausreichend vorhanden, Chai gibt’s trotzdem – gleich zwei pro Person.
Später am Abend erreichen wir Dyarbakir, die Stadt, die man auch gerne als kurdische Hochburg bezeichnet. Circa 1 Millionen Einwohner. Irgendetwas ist uns nicht ganz geheuer, als wir im Dunkeln auf der Suche nach Essbarem das Stadtzentrum erreichen. Bereits vor 21:00 Uhr abends ist alles geschlossen und verbarrikadiert, Kinder rennen teils randalierend über die Straße. Panzerwagen fahren durch die Straßen. Wir fahren an Wasserwerfern vorbei. Wir nehmen unsere Füße in die Hand und verlassen Dyarbakir Richtung Westen. Später stellt sich heraus, dass es in der Türkei aufgrund des Grubenunglücks mit bereits über 200 bestätigten Toten, in mehreren Großstädten zu Ausschreitungen und Protesten kam; scheinbar auch in dieser Stadt. Nach ein paar Minuten Fahrt erreichen wir dann aber das beschauliche und ruhige Siverek, wo ein kleines Café noch für uns geöffnet hat und uns Köfte, Böregesi und Nargile in den Geschmacksrichtungen Kavun und Elma zubereitet. Der Stresspegel sinkt, es geht ein paar Kilometer weiter und mitten auf einem Feld abseits der Straße errichten wir unser Nachtlager bei 20°C und sternenklarem Himmel.

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