Tag 8 bis 10 – Spielplatz für große Jungs

Wasser. Warmes Wasser rieselt auf den Kopf. Plötzlich wird es eiskalt, dann kochend heiß. Egal, wir haben eine Dusche. Die Nacht im Hotel war die entspannteste seit Tagen. Manch einer geht gleich zweimal duschen. Dann heißt es zusammenpacken, ein schnelles Frühstück an den Autos, das Team mit den Feuerwehrautos flönzen und los geht’s.
Endlich geht’s Offroad weiter – heißt es zumindest im Roadbook. Zunächst wartet die vielleicht schwierigste Herausforderung auf uns: Findet den Weg aus Ankara heraus. Eigentlich müssten wir ja nur auf eine der drei Schnellstraßen gelangen, welche aus Ankara herausführen, was ja mit Beschilderung kein Problem sein sollte. Eben jene gibt es aber nicht; zumindest nicht da wo wir uns rumtreiben. Auf Nachfrage schickt man uns, falls das Gespräch nicht ohnehin an mangelnden Sprachkenntnissen beider Parteien scheitert, stets in entgegengesetzte Richtungen oder sagt uns, dass es ohne Autobahnbenutzung unmöglich sei die Stadt zu verlassen. Wir kein Wort Türkisch, die Gefragten kein Wort Englisch oder Deutsch und Julius’ Französischkenntnisse sind vollends überflüssig. Die ersten SMS erreichen uns von zuhause: „Euch brennt doch der Helm“ und „Ist der GPS-Tracker im Eimer?“ stehen auf unseren Mobilfunkgeräten. Irgendwann schafft es jemand uns verständlich zu machen in welche Richtung wir fahren müssen. Wie durch ein Wunder erreichen wir die Schnellstraße. Sofort läuft wieder alles wie geschmiert. Sehenswerte Berglandschaft, Sonnenschein und gut ausgebaute Straßen. Willkommen in Anatolien.
Wir erreichen Bogazkale, den letzten Ort vor der 4×4-Strecke. Tank und Magen werden gefüllt, die Offroadrallye beginnt. Etappenweise geht es wie bei einer Schnitzeljagd über Stock und Stein von einer historischen Stätte zur nächsten. Das Roadbook gibt die Strecke vor und führt uns zu außergewöhnlichen Orten abseits der normalen Wege. Vor mehr als 3000 Jahren errichteten die Hethiter ihr Reich in der heutigen Türkei. Wirklich viel Zeit alle diese Bauten zu bewundern bleibt uns allerdings nicht.
Wir verlassen jegliche Zivilisation, fahren über Feldwege und Schotterpisten durch die Hügel Anatoliens. Die Schönheit der Landschaft zu beschreiben ist schwer möglich und nur bedingt durch Fotos einzufangen. 174 PS werden über 4 Räder auf Steine, Schlamm und Staub übertragen und die Autos ziehen sich wie an Karabinern die steilsten Steigungen hoch. Wer vorne fährt atmet frische Luft der Rest frisst Staub. All das hinterlässt seine Spuren und Ugly macht seinem Namen alle Ehre. Lautes Schrammen von unten ist bereits nichts neues mehr (die von Norbert eingebauten Bodenbleche sind Gold wert). Ein stetiges Scheppern von hinten ist dann aber doch etwas ungewöhnlich. Prompt ist im Funk „Wat is denn da mit dem Auspuff vom Ugly los“ zu hören. Die Auspuffgummis hat bei der Belastung das Zeitliche gesegnet. Doch auch mitten im Nirgendwo ist man auf der Rallye nie alleine. Mehrere Teams halten an, fragen was los ist, wie man helfen kann und so stehen wir nachher mit zwei nagelneuen Gummis für den Auspuff, einer Auffahrrampe, einer Metallsäge und ca. 10m Wäscheleine da. Wir binden den Auspuff mit Seil provisorisch fest und ziehen alles noch einmal mit Lochband nach – das sollte fürs erste wohl reichen. Wirklich verärgert konnten wir über die Unterbrechung nicht sein, standen wir doch bei strahlendem Sonnenschein auf einer Anhöhe mit (ihr werdet es vermutlich des Öfteren hören) atemberauben Ausblick, hatten jede Menge nette Unterhaltungen mit anderen Teams und auch der Stuhlstuhl konnte sich gekonnt in Szene setzen. Andere Teams haben weniger Glück. Wir kommen hinter einer steilen Rechtskurve zum Stehen und vor uns bietet sich ein Bild des Schreckens: Trümmerteile und Splitter liegen im Staub, ein roter BMW ist als solcher nicht mehr zu erkennen. Dann aber die Nachricht, dass es allen gut geht, bis auf eine kleine Beule am Kopf (später im Krankenhaus kann auch eine Gehirnerschütterung ausgeschlossen werden). Der Fahrer hat die Geschwindigkeit wohl eindeutig unterschätzt und die Gefahren eines Heckantriebs auf so rutschigem Untergrund zu spüren bekommen. Nachdem uns versichert wurde, dass es allen gut geht und unsere Hilfe nicht mehr von Nöten ist fahren wir weiter und kommen am späten Abend im Fahrerlager in Corum an.
Der neunte Tag begrüßt uns mit strahlendem Sonnenschein und Temperaturen weit jenseits von 20°C. Heute steht der zweite Teil der „Chinesen-Rallye mit erhöhtem Offroadanteil“ an. Vorher befiehlt uns das Roadbook allerdings erneut Fotos von verschiedenen Sehenswürdigkeiten der Stadt zu machen. Während Markus und Felix Frühstück organisieren, steuert der Rest mit dem Taxi die fünf Fotopunkte an. Als Highlight entpuppt sich der türkische Taxifahrer, der nur wenige Brocken Englisch spricht aber uns mit viel Gelächter versucht Türkisch beizubringen: Su, Yürü Yürü und Ekmek gehören ab sofort zu unserem Wortschatz. Am Ende lädt er uns noch zu einem Tee in die Taxizentrale ein.
Um 12 Uhr geht’s dann weiter mit einem Massenstart in Richtung Tokat. War man am Tag zuvor noch größtenteils alleine unterwegs oder traf nur Teams die langsamer waren, fuhr man heute in Kolonne los.
333 Autos (abzüglich ein paar Unfallwagen, Ausfällen und Hängegebliebenen) auf einer staubigen Piste. Ein anderes Team mit 3 Audis klebt an uns dran. Wir hupen und schieben uns an den langsameren Fronttrieblern vorbei, bis einige hundert Meter vor uns plötzlich der erste Wagen erscheint: Fiat Ducato, mattschwarz. Team Chasing Orient Hills. Jetzt gilt es den vorhergehenden Schlagabtausch im Internet in die Tat umzusetzen. Tunnelblick. Olivia. So heißt der Wagen. Doch so ein Ducato vermag mehr zu leisten als er im erstem Moment anscheinen lässt und die Jungs von COH schenken uns keinen Zentimeter. Jeder Versuch an Olivia vorbei zu preschen scheitert. Wir taktieren: links antäuschen, damit der andere rechts vorbeiziehen kann. Doch so leicht sind die Jungs nicht zu vernaschen. Bis dann irgendwann Good in einer scharfen Linkskurve an Olivia vorbeizieht. So geht es dann auch weiter, bis sich alle drei durchgemogelt haben. Im Rückspiegel sehen wir immer noch die 3 Audis.
Vor uns sind nun nur noch Thomas und Alex im letzten COH Wagen und führen das Feld an. Sie lassen uns relativ schnell vorbeifahren und bekommen als Dank eine Bananenschale ab, in der Hoffnung dass sie ausrutschen. Ihre Antwort lässt nicht lange auf sich warten: völlig unerwartet trifft eine mit 100%-iger Präzision geworfene Wasserbombe Ugly ins offene Fenster und explodiert über das gesamte Wageninnere. Touché.
Unser Tagesziel ist erreicht, auch wenn es ein unfairer Kampf war. 174 PS in einem Kombi verteilt auf zwei Achsen gegen zarte 90 PS auf den Vorderrädern. Umso mehr haben sich die sechs Nürnberger unseren Respekt verdient.
Ab jetzt geht es etwas gediegener weiter. Wir kommen im ersten Dorf entlang der Route an und werden von allen Bewohnern mit traditionellem Essen und Tanzvorführungen wärmstens empfangen. Die Leute sind vollends von der Rallye begeistert, die Jugendlichen wollen Fotos mit den Fahrern machen; selbst hier in den ländlichsten Regionen besitzt bereits jeder ein Smartphone. Es soll nicht der letzte Ort sein, in dem uns so etwas geboten wird.
Wir nähern uns wieder der zivilisierten Welt und erreichen spät abends Tokat, unser heutiges Nachtlager. Ein Restaurant hat noch offen. Getränke müssen dreimal bestellt werden bis sie kommen, keiner bekommt das Gericht das er bestellt hat. Zufrieden sind trotzdem alle. Ein älterer Gast bestand noch auf ein Foto mit unserem Veltins, welcher heute von Felix getragen werden musste, danach ging es in unsere Dachzelte.
Der nächste Tag begrüßt uns erneut mit bestem Wetter und es ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das was noch kommt. Die Türkei ist ein faszinierendes Land mit den gastfreundlichsten Menschen die man sich vorstellen kann. Jonas und Lukas bekommen beim Barbier einen neuen Haarschnitt verpasst und Sven und Julius schießen weitere Fotos von Sehenswürdigkeiten für das Roadbook. Weit kommt man in dieser Stadt allerdings nicht. Überall wird man gebeten sich hinzusetzten und einen Tee mitzutrinken. So verbringen wir dann ein Stunde auf dem Schulhof eines türkischen Gymnasiums, trinken Chai und unterhalten uns mit dem Deutschlehrer, dem Direktor und dem Rest der Belegschaft. Anschließend bekommen wir auch noch eine kleine Stadtführung geboten. Tokat hat uns in jeder Hinsicht positiv überrascht und die Türken haben erneut unter Beweis gestellt, wie großartig die Gastfreundschaft in diesem Land ist. So schaffen wir es auch erst um 14 Uhr uns von Tokat loszueisen und in Richtung Ordu aufzubrechen.
Bei der Weiterfahrt über Feldwege lässt Ugly erneut den Auspuff hängen und bei Good ertönen äußerst unpathologische Geräusche vom vorderen linken Radkasten kommend. Wir hängen bereits mächtig hinter dem Zeitplan und verbinden erneut nur provisorisch den Auspuff. Bei Good sind uns hier mitten in der Pampa erst einmal die Hände gebunden.
Nach ein paar Minuten Weiterfahrt kommen wir über einen Berg und jedem von uns bleibt schier die Luft weg. Zu unwirklich ist die Szenerie die sich uns hier bietet. Ein Tal mit sattem grünen Gras, bei dem jeder Golfplatz vor Neid erblassen würde. Ein kleiner Fluss durchbricht das Grün und schlängelt sich seinen Weg durch die Hügelkette. Die Sonne steht bereits sehr tief am Horizont und scheint im weit entfernten Verlauf des Tals zu versinken.
Um 20:00 Uhr sollen wir in Ordu sein und unser Musikinstrument abgeben. Ein Blick auf die Uhr offenbart bereits jetzt eine einstündige Verspätung. Egal. Das Roadbook führt uns erneut ab vom direkten Weg ab, hoch auf einen Berg an dessen Fuße wir das nächtliche Lichtermeer Ordus bestaunen können. Wie gut es doch war diesen kleinen Umweg zu nehmen. Zu spät sind wir so oder so, eine Stunde mehr macht auch nichts mehr und dem Organisationskomitee (OK) ist es ohnehin ziemlich egal was man macht, solange man es im halbwegs legalen Rahmen tut.
In Ordu angekommen können wir unsere Wagen direkt an der Strandpromenade parken und wieder einmal fährt die Polizei ständig auf und ab. Es gibt zivile Streifen und allgemein ist es von der Gemeinde wieder sehr gut organisiert. Auch hier noch einmal ein großes Lob an alle Gemeinden und Kommunen der Türkei die diese Rallye hier so einzigartig machen.

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